Die Idee hinter SPIO® Kompressionsorthesen
Ein Bericht von Cheryl Allen, im Juli 1996
Dies ist ein Artikel über "Stabilizing Pressure Compression Orthotics" auch genannt SPIO®. Es handelt sich um ein relativ neues Konzept der Kompressionsorthesen, hergestellt aus schwerem Nylon/Lycra® Stoff ohne die Anwendung konventioneller, sperriger Orthesen. Das SPIO®-System wird in Verbindung mit dynamischen Fußorthosen und einer regelmäßigen (Physio-)Therapie eingesetzt. Das SPIO®-System zeigt erstaunliche Ergebnisse in der Verbesserung funktioneller Kontrollfähigkeit und Körperwahrnehmung. Auf Grund dessen hat es ebenfalls zu einer verminderten Hypersensitivität auf Umwelteinflüsse geführt.
Ich habe erst vor 4 Jahren angefangen, mit Lycra® zu arbeiten - nämlich dann, als unser Adoptivsohn damals 8 Monate alt, eine Verbesserung der sensorischen und stabilitätsfördernden Information für Rumpf und seiner unteren Extremitäten benötigte. Als Frühgeborenes und bedingt durch pränatalen Kontakt zu Alkohol und Drogen hat er motorische Defizite und muskulären Hypertonus. Er leidet ferner an sensorischen Defiziten im propriozeptiven und tiefensensorischen Bereich.
Sein Therapeut wandte sehr viele Tiefenmassagen an, und ich habe regelmäßig seine Beine und Füße massiert, damit er sie besser wahrnehmen konnte. Die Ergebnisse hielten nur kurze Zeit an und hinterließen keine bleibende Wirkung. Ich wusste, ich brauchte etwas, um die Wirkung der Massagen länger aufrechtzuerhalten.
Wir wollten eine Fahrradhose ausprobieren, aber für ein Kind von 18 Monaten war keine Hose vorhanden; die Schnittmuster für Kinderhosen beginnen erst ab 2-4 Jahren. Die Hose war auch nicht konzipiert, um Kompression auszuüben. Aber ich war von meiner Idee überzeugt, also begann ich die Muster zu zerlegen bis ich seine Größe hatte.
Seine erste Hose war aus Lycra® mit Baumwolle, aber sie funktionierte nicht, weil der Stoff keine Rückstellkraft (Memory) besaß. Ich wollte, dass sie enger passte, also ging meine Suche weiter.
Als ich Tüllgummi als Futterstoff verwendete, ging sein Muskulärer Hypertonus zurück und seine Hüft-/Rumpf- und Beinbewegungen verbesserten sich; also verwendeten wir jeden Tag diese neue Hose.
Langsam aber sicher verbesserte sich, auch ohne die Hose, seine Eigenkontrolle.
Vor ca. 2 Jahren fand ich endlich eine schwere Nylon/Lycra®-Mischung mit multidirektionalen Dehnungsfähigkeiten. Es fühlte sich wie ein Hüfthalter an, war von einem angenehmen Gewicht und Brian trug ihn gerne.
Seine Physiotherapeutin war mit der Änderung seiner Körperbeherrschung und Tonuskontrolle sehr zufrieden. Die Verbesserungen traten sofort auf und sie war überrascht, dass es mit Lycra® so gut funktionierte. Er trug die Hosen in Verbindung mit den dynamischen Fußorthesen. Beide Versorgungen zusammen halfen ihm, seine Gleichgewichts- und Stabilitätskontrolle zu verbessern.
Vor ca. 2 Jahren zog unser zweiter Sohn im Alter von zwei Monaten bei uns ein. Es wurden schwerwiegende sensorische Probleme im visuellen, taktilen, und tiefensensorischen Bereich festgestellt mit einer ausgeprägten Extensionshaltung und grundlegende Schwierigkeiten mit Stabilitäts- und Bewegungskontrolle. Er hatte ebenfalls einen ausgeprägten Tremor mit Tonusfluktuationen.
Er war sehr schwierig zu beruhigen bzw. unter Kontrolle zu halten, also versuchten wir ihn zu wickeln. Er bekam aber immer seine Arme frei, also versuchte ich, ihn in Lycra® einzuwickeln. Ich wickelte ihn über die Schulter (mit Zug nach unten) und dann um die Hüfte (mit Zug nach oben) ein. Dieses Vorgehen funktionierte hervorragend und ließ ihn auch besser schlafen; er wachte nur einmal pro Nacht wegen seiner „Moros“ auf, und nicht (wie üblich) vier bis fünf Mal pro Nacht.
Seine Therapeutin Nancy Hylton, wickelte ihn eines Tages mit einer 15 cm breiten elastischen Binde und seine Rumpfbewegungen wurden sofort synchronisierter, jedoch lockerte sich der Verband sehr schnell. Ich entschloss mich, Brians alte Hose bei ihm auszuprobieren; ich war mit dem Ergebnis nicht sehr zufrieden, da die Hose nur bis zu seiner Taille reichte.
Ian hat große Probleme mit seinem Oberkörper und fühlt sich von ihm gewissermaßen „entkoppelt“. Ich wollte daher den gleichen Druck im Schulterbereich und zwischen den Beinen erzeugen wie mit den Hosen. Ich wollte ihn mit zusätzlicher Tiefendruckinformation im Rumpfbereich ausstatten, also brauchte ich zwei Schichten zwischen Armen und Hüften. Ich entwarf einen Anzug, der bis zum Knöchel reichte und ferner ein Hemd mit langen oder kurzen Ärmeln aus Raglan, das unter dem Anzug getragen wurde und in diesen Bereichen sensorische Information verstärkte.
Ich entwickelte ein präzises Verhältnis zwischen Druckerzeugung und Körperumfang, damit eine gleichmäßige Kompression auf sämtliche Muskelgruppen einwirken konnte.
Es zeigte sich ein großer Unterschied bei ihm sobald er das System trug; er ließ sich leichter beruhigen und überstreckte nicht mehr seinen Rücken. Am Anfang konnte er nur krabbeln, wenn er sein Lycra-System trug, ohne war er dazu unfähig. Sein Gleichgewicht, seine Stabilitäts- und Bewegungskontrolle verbesserten sich alle mit dem System und er macht gleichmäßige Fortschritte. Er trägt das System den ganzen Tag, jeden Tag - außer wenn er schläft.
Ian trägt jetzt seit einem Jahr seinen SPIO®-Anzug und die Wirkung hält an – auch ohne das System. Er kann zwei Tage ohne seinen SPIO®-Anzug auskommen bevor ich wieder einen Unterschied feststelle. Der SPIO®-Anzug hat auch seinen Gang wesentlich verbessert. Das ändert sich jedoch sobald der Anzug entfernt wird.
Die “SPIO®“-Produkte sind waschmaschinenfest, können im Schongang gewaschen werden, und können im Trockner schonend getrocknet werden. Diese Produkte sind eng anliegend und werden direkt auf der Haut getragen, mit Windeln oder Unterhose dazwischen. Dieses Orthesenkleidungsstück ist entwickelt worden, um über Tiefendruck und den tiefentaktilen-Systemen die Stabilität und somatische Rückkopplung zu verbessern. Diese Art der spezifischen Information scheint funktionelle Bewegungsmöglichkeiten, Orientierungssinn für Rumpf und Extremitäten, und allgemeine Stabilität und Gleichgewicht bei Kindern mit Defiziten in diesem Bereich zu verbessern. Auf propriozeptive Defizite zurückzuführende Schwierigkeiten mit muskulärem Hypertonus oder muskulärem Hypotonus verbessern sich ebenfalls mit den “SPIO®“-Produkten.
Die multidirektionale Wirkung sowie die Laufrichtung des Stoffes üben einen dynamischen Druck auf spezifische Bereiche aus. Die Flexibilität und Porosität der Lycra®-Kleidung verbessert den Tragekomfort und erlaubt mehr Bewegungsfreiheit als bei anderen Stoffen.
Das SPIO®-System ist für jede Person maßgefertigt. Ich stelle auch eine doppellagige Rumpfbandage mit Klettverschlüssen, mit oder ohne Überhang zwischen den Beinen, her. Diese Vorgehensweise gestattet Therapeuten größere Einsatzmöglichkeit, da diese Bandage verschiedenen Patienten passt. Die Schulter/Rumpf/Hüftbandagen sind in den Größen S, M, und L erhältlich.
Therapeuten, die im Zentrum arbeiten, wo auch meine Kinder behandelt werden, sind mit den festgestellten funktionellen Verbesserungen der mit SPIO® behandelten Kinder sehr zufrieden. Jedes Kind im Children’s Therapy Center trägt außerdem dynamische Fußorthesen bevor das SPIO®-System angepasst wird. Therapeuten geben positive Rückmeldungen bezüglich funktioneller Verbesserungen, verfeinerte Bewegungsabläufe, Stabilität, Gleichgewicht, Bewegungskontrolle, und Beruhigung. Andere damit verbundene Aktivitäten wie Verbalisierung und Nahrungsaufnahme haben sich ebenfalls bei einigen Kindern verbessert.
Ich habe auch einen Kompressionshandschuh entworfen, der z. Zt. bei einigen Kindern angewendet wird, um taktile Empfindlichkeiten zu senken, Hand- und Handgelenksflexion zu verbessern und verstärkte propriozeptive Information im Thenar zu erzielen. Es wurde beobachtet, dass das Greifen und Gewichtheben sowie die Kontrolle der Hand sich verbesserten.
Ich habe den Eindruck, dass die Kinder durch die Kompression zusätzliche organisatorische Information erhalten.
Kompression wird seit einigen Jahren als Therapie angewandt. Mit flexibel stabilisierenden Input-Orthesen kann das Kind mehrere Stunden am Tag unterstützende Information erhalten.
Therapeuten wenden nun das SPIO®-System bei vielen Diagnosen an. „SPIO®“ ist noch relativ neu und Feedback vieler Therapeuten erhalten wir erst seit September 1995. Weitere Langzeitbeobachtungen und -studien müssen durchgeführt werden. Das beste Feedback, das ich erhalte, ist Kinder zu sehen, die mit dem SPIO®-System versorgt sind. Der Stolz in ihren Gesichtern sagt mehr als jeder Therapeut sagen kann.
Ich habe mich bemüht, etwas Funktionelles und Modisches zu entwerfen.
Gegenwärtig werden SPIO® Compression Bracing Systems® / SPIO® Kompressionsorthesen in einigen Bundesstaaten angewandt und es gehen Bestellungen aus Kanada ein.
Wir stellen auch SPIO® Kompressionssegmente und elastische Strampelsäcke für Säuglinge her.
ACHTUNG: Die Anwendung von Orthesen vom Kompressionstyp, wie das SPIO®-System, sollten bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen nur nach ärztlicher Rücksprache und bei (ärztlicher) Überwachung erfolgen!
2004 begann das Dynamics Competence Center den Aufbau der SPIO® - Produktion.
Hier heißt Geschäftsführerin Claudia Eisert Cheryl Allen, Entwicklerin und Gründerin von SPIO® / USA, im Mai 2004 herzlich willkommen. Cherryl Allen hatte seit Kindheit ein chronisches Lungenleiden.
Es war großartig und inspirierend sie bei uns zu haben, und zum Wohle unserer Patienten von ihrem Know-how profitieren zu können. Nach stetiger Verschlechterung ihres Gesundheitszustands ist Cheryl Allen in der Nacht zum 14. April 2007 verstorben.

